«Boxen ist keine Oper»

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12.10.2019 15:44 Uhr
Tilman Pauls, Basler-Zeitung

Angelo Gallina erklärt, warum der Sport so viele Künstler inspiriert und was die grösste Kunst innerhalb des Rings ist.

Angelo Gallina, ist Boxen noch Sport oder schon Kunst?

Boxen ist Sport. Ein rudimentärer, auf seine Art unzivilisierter, gewalttätiger, aber auch faszinierender Sport. Kunst dagegen ist das Produkt eines Artisten. Kunst stellt man im Museum aus.

Am Samstag werden genau dort Kämpfe ausgetragen, im Museum. Eine Verbindung gibt es also offensichtlich doch.
Das hat damit zu tun, dass sich im Lauf der Jahrtausende viele Künstler aus allen erdenklichen Blickwinkeln an dem Sport abgearbeitet und ihn mit Bedeutung überfrachtet haben. So ist eine eigene Faszination, eine eigene Ästhetik entstanden.

Warum gerade beim Boxen?
Der Mensch war schon immer fasziniert vom Kampf. Das Duell Mann gegen Mann – oder heute Frau gegen Frau – gibt es seit der Antike. Es ist die reinste Form des Wettbewerbs. Davon gibt es Erzählungen, Bilder, Zeichnungen, Theaterstücke, Lieder. Es ist zu einer eigenen Kunstform geworden, den Sport abzubilden.

Es gibt viele Künstler, die sich fürs Boxen interessieren.
Bertolt Brecht, Jean-Paul Sartre, Charlie Chaplin, Ernest Hemingway. Andy Warhol war fasziniert von Muhammad Ali, er hat viele Portraits von ihm gemalt. Marlene Dietrich hat geboxt. Es besteht eine Grundsympathie zwischen Künstlern und Boxern.

«Es gibt viele Menschen, die denken sich: Boxen? Das machen doch nur Hohlköpfe und Schläger.» Angelo Gallina

Woher kommt das?
Es gibt viele Parallelen in ihren Karrieren. Beide sind Selbstdarsteller und Einzelkämpfer. Wenn es darauf ankommt, stehen sie allein da. Im entscheidenden Moment müssen sie etwas von sich preisgeben. Man sagt, dass sich ein Boxer im Ring nicht verstellen kann. Er ist die reinste Version von sich selbst. Das ist bei einem Künstler auch so: Er muss etwas von sich offenlegen.

Das Boxen gilt als artige Kunst, hat aber gleichzeitig den Ruf, barbarisch zu sein.
Es ist ein ambivalentes Bild. Es gibt viele Menschen, die denken sich: Boxen? Das machen doch nur Hohlköpfe und Schläger. Gleichzeitig war es aber immer auch ein elitärer Sport, der sich in England aus dem feinen Fechtsport entwickelt hat. Aber vermutlich gibt es auch darum eine Faszination für den Sport: Weil er so einfach und kompliziert zugleich ist. A kämpft gegen B, wer am Ende besser getroffen hat, der gewinnt.

Kompliziert ist das aber nicht.
Nein. Aber diese simple Konstellation löst bei vielen Menschen ganz komplexe Emotionen aus.

Was meinen Sie?
Ich habe einen meiner ersten Kämpfe mit meinem Vater geschaut, morgens um 4, Ali, 1976. Ich hatte überhaupt kein Verständnis für das, was da passiert ist. Und trotzdem hatte ich nachher Tränen in den Augen. Das Boxen hat eine eigene Dramatik, wie ein Film oder ein Theaterstück, die etwas in uns auslösen. Und das wollen viele Künstler mit Worten oder Bildern erklären.

«Ein Spiel zwischen Federer und Nadal ist für mich auch eine Art Boxkampf. Aber es ist nicht so unmittelbar, nicht so direkt.»

Kann man es denn erklären?
Es geht um Identifikation. Viele Zuschauer sehen in einem Boxer den Stellvertreter für sich selbst. Boxen ist ein Sport für Sturm und Drang. Man steigt in den Ring, wenn man jung und unbedacht ist. Wenn man nicht viel über die Konsequenzen nachdenkt. Jeder von uns wäre gern mal der Typ im Ring, der einfach seine Energie rauslässt und es allen zeigt. Ich gegen meinen Chef. Ich gegen den Nachbarn. Ich gegen einen anderen Politiker.

Der Boxkampf als Metapher für die Probleme des Alltags…
… als Metapher fürs Leben. Jeder von uns kennt eine Situation, in der man auf den Boden gehen muss. Eine Trennung, eine Kündigung, ein Todesfall. Im Boxring sehen wir genau das. Wir freuen uns, wenn der Boxer wieder aufsteht, oder wir leiden, wenn er es nicht mehr schafft. So entsteht eine Bindung, die es in kaum einem anderen Sport gibt.

Das ewige Duell, das Hinfallen und das Aufstehen, das gibt es aber auch beim Tennis.
Klar. Ein Spiel zwischen Federer und Nadal ist für mich auch eine Art Boxkampf. Aber es ist nicht so unmittelbar, nicht so direkt. Wenn Federer die perfekte Rückhand schlägt, ist das schön zum Anschauen. Aber nur die wenigsten können nachempfinden, wie sich das anfühlt. Keiner von uns weiss, wie es ist, nach fünf Stunden einen Final zu verlieren. Wie es sich anfühlt, wenn man eine abbekommt, das wissen aber die meisten. Wer hat noch nie seinen Kopf angeschlagen?

«Ich finde es faszinierend, wenn ein Boxer alles in sich vereint, was es für einen Sieg braucht. Die richtige Strategie, das richtige Mass, den richtigen Instinkt.»

Auch wenn Sie sagen, Boxen sei keine Kunst: Sie stellen mit Veranstaltungen wie dem Boxeo bewusst eine Nähe zwischen den Disziplinen her.
Boxen ist keine Oper. Aber ich habe Spass daran, den Sport so zu präsentieren. Wir wollen eine Brücke schlagen, auch wenn das nicht immer gelingt. Es gibt Boxfans, die mit einer Oper nichts anfangen können. Und auf der anderen Seite wird es auch am Wochenende Beschwerden beim Museum geben, warum man uns da überhaupt reinlässt. Aber dieser Gegensatz fasziniert mich.

Woher kommt das?
Ich habe vor Jahren mal in einem Theaterstück den Gegner Marcel Cerdans verkörpert. Cerdan war Box-Weltmeister und der langjährige Partner von Edith Piaf. Durch dieses Engagement bin ich darauf aufmerksam geworden, wie viel künstlerische Beiträge es über das Boxen gibt. Es gibt Romane, wissenschaftliche Abhandlungen, Essays, Fotografien, Zeichnungen, Filme, Serien …

Was muss man unbedingt gelesen, gesehen, gehört haben?
«Über Boxen» von Joyce Carol Oates. Dort wird der Sport in seiner ganzen Komplexität beschrieben. Die Beziehung zwischen Boxer und Trainer. Der Umgang mit der eigenen Angst. Sie arbeitet auch viele Vorurteile übers Boxen auf.

Was ist Ihrer Meinung nach die grösste Kunst im Boxen?
Ich finde es faszinierend, wenn ein Boxer alles in sich vereint, was es für einen Sieg braucht. Die richtige Strategie, das richtige Mass, den richtigen Instinkt. Der Kraft und Ausdauer hat und dabei noch intelligent und sympathisch ist. Das ist für mich die höhere Kunst als ein einzelner Schlag oder eine gute Fussarbeit.

Was ist die grössere Kunst: den Gegner zu treffen oder nicht getroffen zu werden?
Ich habe als Boxer immer gehofft, kein blaues Auge zu kassieren. Auch als Trainer schaue ich, dass meine Boxer nicht zu viele Schläge kassieren. Aber die ganz hohe Kunst ist natürlich, wenn ein Kämpfer beides in sich vereint.

Liegt auch in der Niederlage eine Kunst?
Wenn man oft scheitert, um im richtigen Moment den einen Kampf zu gewinnen, ist das auch Kunst. Genau solche Dramen wollen die Zuschauer ja sehen.

War Boxen früher die höhere Kunst als heute?
Das glaube ich nicht. Es ist heute schwieriger, den Überblick zu behalten. Man kann jede Woche einen Kampf sehen. Und in den sozialen Medien präsentiert sich jeder nach drei Kämpfen so, als wäre er der beste Champion aller Zeiten. Aber die wirklich guten Boxer sind für mich die, die auch neben dem Ring gewonnen und verloren haben.

«Ein grosser Teil von Tysons Karriere hat mit seinen Skandalen ausserhalb des Rings stattgefunden. Auch boxte er oft unter Einfluss von Kokain.»

Und Ali war der Grösste?
Der Sportler Ali ist in erster Linie zur grössten Figur geworden, weil er die künstlerische Seite bedient hat wie kaum ein anderer und auch soziale Verantwortung übernahm. Welcher Sportler demonstriert heute noch gegen den Krieg? Ali war von einer Entourage von Reportern oder Fotografen umgeben, die ihn zu dieser Figur gemacht haben. Es gibt so viele ikonische Bilder von ihm, Filme, Bücher. Ab einem gewissen Punkt hat sich das Bild von Ali dann verselbstständigt.

Wer war der grösste Künstler?
Boxtechnisch gesehen? Marvin Hagler. Ein Mittelgewichtler, der in den 70er- und 80er-Jahren geboxt hat. Perfekt in beiden Auslagen. Er war jahrelang ungeschlagen und hat für mich vieles verkörpert, was mich an diesem Sport fasziniert. Privat war er jedoch eine Tragödie. Aber auch Sugar Ray Robinson hatte seinen ganz eigenen, flapsigen Stil. Das sah wirklich nach Kunst aus.

Ist nicht nur das Schwergewicht die hohe Kunst?
Nein. Es gibt faszinierende Boxer, die nur ein bisschen mehr als 60 Kilo wiegen. Aber klar, die Ästhetik im Schwergewicht ist eine andere, wenn man diese Muskelberge sieht oder die Körper, die sich bei einem Treffer verformen.

Inwiefern sind die bösen Kerle des Sports, die Mike Tysons dieser Welt, Künstler?
Ich war nie ein besonderer Fan. Ein grosser Teil von Tysons Karriere hat mit seinen Skandalen ausserhalb des Rings stattgefunden. Auch boxte er oft unter Einfluss von Kokain. Man muss anerkennen, dass er auch gegen grössere Gegner einen Schlüssel gefunden und die Menschen unterhalten hat. Ich würde ihn aber nicht als Künstler bezeichnen.

Gibt es heute noch Künstler?
Ja. Floyd Mayweather stand über zehn Jahre an der Spitze und hat dabei die bestmöglichen Gegner geboxt. Und er hat sie alle geschlagen. Aber auch Gennadi Golowkin oder Anthony Joshua sind für mich Artisten.