Wie Rocky, aber im prallen Leben

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03.06.2019 10:50 Uhr

Andy Ruiz jr. entzaubert Anthony Joshua – er ist der erste Schwergewichtsweltmeister mexikanischer Herkunft

Rod Ackermann (NZZ)

«Destroyer». Es ist ein treffender Nom de Guerre, der auf dem Gürtel des neuen Weltmeisters im Schwergewichtsboxen (Versionen IBF, WBA und WBO) prangte. Andy Ruiz jr. aus dem kalifornisch-mexikanischen Grenzstädtchen Imperial zerstörte Anthony Joshuas Träume von der Titelverteidigung in der Nacht auf Sonntag jäh, als er den Briten in der siebenten Runde zum vierten und entscheidenden Mal auf die Bretter schickte. Der Triumph des Aussenseiters ist eine Sensation wie die schockierende Niederlage von Mike Tyson gegen Buster Douglas vor bald dreissig Jahren. Die 20021 Zuschauer im Madison Square Garden in New York, zur Mehrzahl Landsleute von Joshua, blickten ungläubig auf den Ring, in dem der fettleibige, stark tätowierte Champion mit seiner Entourage zu Mariachi-Klängen Freudentänze aufführte.

Die Chance seines Lebens

Seinen Spitznamen erhielt Ruiz – Sohn mexikanischer Einwanderer und von Kindsbeinen an übergewichtig – nicht erst im Boxring, sondern bereits als Knirps, weil er die Gewohnheit hatte, seine Spielsachen unverzüglich kaputtzumachen. Für den Baseball zu wenig geschickt, wandte sich Andy dem Boxen zu. Da er für Gleichaltrige jedoch zu gross und zu schwer war, bekam er es stets mit Älteren zu tun. Das muss eine gute Schule gewesen sein, denn die Erfolge mehrten sich. Zuerst bei den Amateuren, bei denen er unter Anleitung eines kubanischen Trainers in 110 Kämpfen 105 Mal gewann, und ab 2009 bei den Professionals. Meistens nur für Rahmenkämpfe engagiert, erlitt Ruiz in 33 Matches eine einzige Niederlage. Für den Titelkampf gegen Joshua wurde er nur als Ersatzkämpfer aufgeboten – erst sechs Wochen im Voraus.

Mag sein, dass sein unvorteilhaftes Äusseres, der Hüftspeck und der Schwabbelbauch, darüber hinwegtäuschen, dass der bald 30-Jährige über «die Mentalität eines mexikanischen Kriegers» verfügt, wie er lächelnd zu Protokoll gab, und vermutlich auch über den Willen, die Chance seines Lebens zu packen. Doch im Madison Square Garden trat ausserdem eine beeindruckende Schnelligkeit der Schläge zutage, der sein als haushoher Favorit angetretene Titelverteidiger nur bis zu Beginn der siebenten Runde standhielt, eher der Ringrichter den Kampf abbrach. Letzterer tat dies keinen Augenblick zu früh, denn schon nach dem fünften Umgang hatte Joshua seine Betreuer gefragt, welche Runde soeben abgelaufen sei. In der folgenden Pause gestand er diesen, dass er sich noch nie so seltsam gefühlt habe. Es war das unfreiwillige Eingeständnis eines Boxers, der bis dahin entweder von schwachen Kontrahenten oder gnädigen Kampfrichtern, in jedem Fall aber vom Heimvorteil profitiert hatte. 22 Siege in 22 Fights, allesamt in Grossbritannien – das ist zu schön, um wahr zu sein. Beim ersten Auftritt im Ausland wurde Joshua von der Realität eingeholt.

Da bereits vor dem Match in New York ein Rückkampf Ende Jahr in London vereinbart worden war, wiegt sich die Boxgemeinde beidseits des Atlantiks in Vorfreude. Interessierte Zuschauer sind unter anderen der Amerikaner Deontay Wilder (Champion der Version WBC) sowie der Brite Tyson Fury, die beide nur Verachtung übrighaben für Joshua. Am Horizont lockt abermals jener grosse Vereinigungskampf, dessen Ergebnis ein einziger regierender Champion der Königsklasse wäre. Plötzlich sieht das Preisboxen, auf dem US-Markt allmählich an den Rand gedrängt aufgrund der Darbietungen der sogenannten «Mixed Martial Arts» (MMA), wieder bessere Zeiten kommen.

Besser als im Film

Jahrzehntelang ergötzten sich die Amerikaner lieber an den «Rocky»-Filmen von Sylvester Stallone als an den jeweiligen Schwer¬gewichts-Boxweltmeistern, die ausnahmslos dunkelhäutig waren. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich in jenen Filmen in der fiktiven Gestalt des Italoamerikaners Rocky Balboa endlich wieder ein Weisser des höchsten Box-Throns bemächtigte.

Ob Andy Ruiz jr., geboren als Andrés Ponce Ruiz und quasi Symbolfigur für Millionen von US-Einwanderern mexikanischer Herkunft, es besser macht als die Hollywood-Gestalt, bleibt vorerst zu bezweifeln. Nicht nur eignet sich der neue Champion aufgrund seiner Leibesfülle herzlich wenig als Poster-Boy; es steht ihm überdies die Aufgabe bevor, zu beweisen, dass er keine Eintagsfliege ist.

Dem Bezwinger von Mike Tyson gelang dies damals nicht. Nachdem Buster Douglas 1990 in Tokio den für unschlagbar gehaltenen K.-o.-Schläger entzaubert hatte, war er seinen Titel zehn Monate später wieder los, tingelte daraufhin noch durch die Ringe und verfiel, zu Depressionen neigend, dem Alkohol. Fast 200 Kilogramm schwer, wäre der Diabetiker vor einigen Jahren beinahe ums Leben gekommen: ein weiteres trauriges Kapitel aus dem Leben einstiger Boxchampions.

Wenn es Ruiz gescheit anstellt, wenn er nicht auf falsche Freunde hört, so dürfte ihm Ähnliches erspart bleiben. Die ersten klugen Schritte hat er bereits unternommen: Seit Beginn der Vorbereitung auf seinen ersten WM-Fight verzichtete er auf Fastfood und Naschereien.

Aus dem NZZ-E-Paper vom 03.06.2019