Mouafo ebenso sicher wie glanzlos zum Sieg

«Zurück

28.04.2024 20:37 Uhr
Gérald Kurth / JS

Der Lokalmatador machte es unerwartet spannend: Christopher Mouafo sah nach zwei Runden vor dem heimischem Publikum in Biel wie der sichere Sieger aus. Er stach sofort mit seinem blitzschnellen Jab oben durch die Mitte zu und punktete damit Mal für Mal. Danach folgten sofort saubere Serien zu Kopf und Körper seines indischen Gegners. Der blieb aber stehen und schaffte es im weiteren Kampfverlauf sogar, sich Mouafo mit seiner hervorragenden Beinarbeit weitgehend zu entziehen.

Wird „BIU Boxing Event“ zum neuen Brand am Schweizer Boxfirmament? Jedenfalls hat das Team des Bieler „Fight Right Club“ um Chef Angelo Fasolis und Sohn Paolo eine beeindruckende Fight Night auf die Beine gestellt.

Das lag zum einen an den drei Hauptkämpfen: Neben Mouafo traten mit Angel "Floyd" Roque und Bryan "The Lion" Fanga zwei der aktuell besten Professionals, die seit einiger Zeit in den Schweizer Boxringen unterwegs sind. Roque blieb unter seinem gewohnten Rendement und bot gerade deshalb gegen seinen herausragend kämpfenden bosnischen Gegner einen Fight, wie ihn das Publikum liebt.

Das lag aber auch an einer herausragenden Atmosphäre bis weit nach Mitternacht – 500 Zuschauerinnen und Zuschauer unterstützten im legendären ehemaligen Kino Nebia nicht weniger als sieben Kämpfer von Fight Right Biel, von denen einige ihr grosses Potenzial demonstrierten. Die Chancen stehen auch deswegen gut, dass in Biel bald wieder eine solche Fight Night stattfindet. Paolo Fasolis jedenfalls weckte mit seiner Ansprache in der Kampfpause die Hoffnungen der Bieler Boxgemeinde. Diese sportlich insgesamt hoch stehende und vor allem durchgehend faire Veranstaltung verdient jedenfalls eine Neuauflage. 

Profikämpfe 

Superleichtgewicht (8 x 3)

Christopher Mouafo (CH) – Sagar Chaudary (IND)

Alles nahm seinen gewohnten Gang: Christopher "the ruthless" Mouafo, perfekt austrainiert und voll motiviert auf seinem „home turf“, punktete entschlossen mit seinem Jab. Trocken, einfach, oben durch die Mitte. Als er Sagar Chaudary dann auch noch mit harten Trefferserien zu Kopf und Körper bedrängte, erwartete man das baldige Kampfende. Das kam aber nicht. Im Gegenteil: der technisch bescheidene Inder entwickelte sich als hartnäckiger Gegner mit Nehmerqualitäten. Weil er gleichzeitig hervorragend zu Fuss war, konnte er Mouafo immer besser neutralisieren und vermied harte Wirkungstreffer weitgehend. Mouafo schaffte es nicht, gegen diesen technisch bescheidenen Gegnern in den richtigen Moment entschlossen nachzusetzen. Mouafo wies aber nach seinem ebenso glanzlosen wie sicheren (zweimal 79:72, einmal 79:73 zu seinen Gunsten) Sieg im Ringinterview unaufgeregt auf seine privaten Umstände hin: Mouafo ist als lizenzierter Professional zu 100% arbeitstätig! Berücksichtigt man, dass er seit Kurzem auch noch junger Familienvater ist, dann sieht auch der anspruchsvollste Fan ein, dass er nicht auf Knopfdruck in jedem Fight ein spektakuläres Feuerwerk abbrennen kann. 

Supermittelgewicht (8 x 3)

Angel Roque (CH) – Ahmed Dananović (BiH)

Das dramaturgische Highlight des Abends riss das Publikum buchstäblich von den Sitzen. Der Wahlzürcher Roque bewies einmal mehr, dass er Garant für Spektakel ist. Diesmal allerdings in einem bislang ungewohnten Register... Aber der Reihe nach: Der als Kämpfer gereifte Angel "Floyd" Roque begann wie üblich zurückhaltend und studierte erst mal seinen Gegner, liess ihn schlagen. Der tapfere Bosnier nahm die Einladung an und punktete ordentlich. Weil er nicht denselben Druck hinter seine Hände brachte wie Roque, zeichnete sich nach Roques ersten Haken zu Körper und Kopf ein vorzeitiges Kampfende an. Das kam aber nicht einmal nach einem weiteren harten Upper Cut, der beim Bosnier auch noch das Blut spritzen liess. Im Gegenteil: Ahmed Dananović überlebte nicht nur die Runde, sondern brachte Roque seinerseits an den Rand des Knockouts. Der taumelte, vom Bosnier schwer getroffen, durch den Ring und rettete sich nur dank seinen Instinktschlägen aus extremster Bedrängnis. Ein epischer Fight auf Biegen und Brechen vor einem begeisterten Publikum, bis zur letzten Runde, wo Roque sich im offenen Schlagabtausch einigermassen berappeln konnte und so den Kampf letztlich klar nach Punkten zu seinen Gunsten entscheiden (dreimal 79:73). Im Anschluss äusserte sich Roque freimütig über den Hauptgrund für seine fehlende Explosivität. Er hatte am Tag vor dem Kampf vier Stunden (!) in der Sauna verbracht, um das nötige Wasser fürs Limit abzukochen. Warum war das zum ersten Mal in seiner Profikarriere ein Problem? Er hatte in der Kampfvorbereitung Kreatin eingenommen, um den Energiestoffwechsel bzw. die kurzzeitige Muskelarbeit im Kampf zu optimieren. Der unerwünschte Nebeneffekt dieser Supplementierung: Der Körper lagert Wasser in den Muskelzellen ein, das Körpergewicht steigt.

 

Weltergewicht (6 x 3)

Bryan Fanga (CH) – Alan Sebastian Velazquez (ARG)

Bryan "The Lion" Fanga, Schweizer Meister im Superleichtgewicht, musste in den letzten Monaten gleich mehrere Kampfabsagen verkraften. So war es einerseits ein Glücksfall, dass er kurzfristig zu einer ungeplanten Kampfmöglichkeit in Biel kam. Andererseits befindet er sich aufgrund der unglücklichen Umstände seit langer Zeit in der Trainings- und Vorbereitungsphase. Und das war ihm im Kampf gegen einen relativ bescheidenen argentinischen Gegner Alan Sebastian Velazquez anzumerken. Fanga ging den Kampf wie gewohnt aus der kontrollierten Defensive heraus an. Normalerweise beginnt er aber, nach einer initialen Phase des Abtastens Dominanz aufzubauen, insbesondere mit seinen hervorragenden Körperhaken über die Aussenbahn. Diese kamen aber gegen den wenig druckvoll agierenden Velazquez zu selten. Fanga wirkte wiederholt übertrainiert und konnte genau in den Momenten nicht druckvoll nachsetzen, wo er sich den Argentinier eigentlich zurechtgelegt hatte. Und der klammerte dann jeweils so routiniert, dass er Fangas knackige Serien zumeist unterbinden konnte. Die Wertung lautete auf allen Punktezetteln einheitlich 59:55 für Fanga. Deutlich und verdient, aber Fanga deutete im Ringinterview nüchtern an, dass dieser Kampf kein Meilenstein war und richtete sofort den Blick in die Zukunft. Ende Juni steht er in Genf wieder im Ring.

 

Jugend- und Elitekämpfe (alle 3 x 3 min, bzw. 3 x 2 min) 

Gleich sieben Youth- und Elitekämpfer des veranstaltenden Fight-Right Biel stiegen in den Ring und konnten ihre teils hervorragenden Kämpfe mehrheitlich zu ihren Gunsten entscheiden: Die boxerisch interessantesten Vorstellungen der Heimboxer boten Abdullah Boojnah (67kg),  Rezek Imran (75 kg) sowie Luca Ekwoaba (80 kg), alle gegen sehr starke Gegner aus Frankreich.

Boojnah überzeugte gegen den aggressiven Jovani Ngoudou mit überlegtem Konterboxen und hervorragender Übersicht. Er agierte aus der sicheren Distanz, liess sich trotz wiederholtem Angebot nicht auf Keilereien ein und punktete mit präzisem Schlagrepertoire.

Auch Rezek gestaltete seinen Kampf überlegt und stilsicher aus der Distanz, die er aber immer wieder mit entschlossen und sauber vorgetragenen Kombinationen durchbrach. Ebenfalls solide ausgebildet und variabel agierend, liess er sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als Khalid Zadran in der letzten Runde seine Grössennachteile aufhaben konnte und zunehmend punktete. 

Ekwoaba bekam wohl den härtesten Brocken vorgesetzt: Sein Gegner Jason Lemery war ein ausgebuffter harter Hund, der den Einheimischen schon in der ersten Runde mit schweren Treffern eindeckte. Ekwoaba fing sich wieder und schlug couragiert mit. Das lag auch daran, dass der seinen Sieg nicht einfahren wollte, ohne noch ein paar Mätzchen einzustreuen und so seinen Fokus verlagerte.

Zwei weitere Kämpfe ohne Beteiligung der Boxer vom Fight Right Club verdienen besondere Erwähnung:

Im Limit bis 66 kg boten Marouane Escala (BC Biel Bienne) und Artem Marchuk (BC Arbon) einen hervorragenden Kampf. Insbesondere Marchuk zeigte seine herausragende ukrainische Boxschule, punktete immer wieder elegant mit einzelnen Händen aus dem Rückwärtsgang. Konnte Marouane die Distanz überwinden, konnte  sich Marchuk zumeist elegant entziehen. Technisch variables, präzises und faires Boxen zweier feiner Sportler, eine Freude zum Zuschauen.

Gent Makaj (Classic Boxen Olten)bekam mit dem Franzosen Djibril Traoré im Limit bis 75 kg einen Wühler und Puncher der besonderen Art vorgesetzt. Makaj, obwohl sehr kampferfahren, konnte gegen die schiere Power des Franzosen letztlich nichts ausrichten, obwohl er versuchte, lang zu bleiben und seine Grössenvorteile auszuspielen. Traoré walzte aber seinen Gegner buchstäblich platt und landete immer wieder gewaltige Hände an Makajs Kopf, wenn er erst mal seinen Gegner angesprungen hatte. Nicht zufällig schoss dem geneigten Zuseher bei Traorés Auftritt plötzlich der junge Mike Tyson durch den Kopf... 

Resultatübersicht

Sponsoren

Partner