Angelo Peña verfolgt seinen Traum mit unschweizerischer Radikalität
24.12.2025 13:28 Uhr
NZZ / Fabian Ruch / JS
Der Schweiz-Dominikaner will der beste Boxer der Welt werden – am Stephanstag kämpft er in Bern
Fabian Ruch, Bern
Angelo Peña sagt: «Ich will der beste Boxer der Welt werden!» Er sitzt auf einem Sofa in einem Boxing-Gym im ersten Stock eines unscheinbaren Gebäudes im Industriequartier von Regensdorf. Die Glamourwelt des besten Boxers der Welt ist weit weg: Las Vegas, Ruhm und Ehre, Kampfbörsen von 70 Millionen Dollar aufwärts.
Es ist Mitte Dezember, Angelo Peña hat eine Trainingseinheit mit Horia Trif absolviert. Der Rumäne ist einer seiner Trainer und der Besitzer des Gyms in Regensdorf. Trif war selbst jahrelang Boxer und sagt: «Ich habe noch nie jemanden gesehen mit so viel Biss und Leidenschaft wie Angelo.»
Peñas grösstes Problem ist gerade das Gewicht. Am 26. Dezember absolviert er in Bern den nächsten Kampf, er muss auf 58 Kilo runter, sein Normalgewicht ist 72, noch fehlen ein paar Kilos. Peña ist Entbehrungen gewohnt, er lebt seinen Traum mit einer Radikalität, die man bei einem Schweizer Sportler selten sieht. Er sagt: «Man muss als Boxer bereit sein, für seine Ziele zu sterben.»
Ehrgeizig und unerschrocken
Angelo Peña, Kampfname «The One», ist seit ein paar Jahren schon der beste Boxer der Schweiz. Er kommt aus einer Boxerfamilie, geboren wurde er in Madrid, die ersten Jahre lebte er in der Dominikanischen Republik bei seinem Vater, der ihn früh anleitete als Faustkämpfer – und der die Familie von einem Tag auf den anderen verliess. Peña hat ihn seit über zwanzig Jahren nicht mehr gesehen.
Peña erinnert sich, wie er in der Dominikanischen Republik auch einmal in einem grossen Zimmer mit Matratzen für dreissig Leute schlief. Als Achtjähriger kam er mit seiner Mutter in die Schweiz nach Ostermundigen. Kompletter Kulturwandel. Der junge Angelo war anders als die Mitschüler im Kaff vor den Toren Berns, extrovertierter und wilder, Zöpfli in den Haaren, Goldkette, XXL-Kleider. Seine Energie lebte er im Boxsport aus, nach der Lehre im Detailhandel arbeitete er nie mehr als 50 Prozent, auf Baustellen, als Foot-Locker-Schuhverkäufer und Starbucks-Barista, seit 2021 ist er Profiboxer. «Das ist meine Berufung», sagt der 31-Jährige. Und: «Irgendwann lebe und boxe ich in den USA.»
Kürzlich war Peña zum siebenten Mal für längere Zeit in Las Vegas in der renommierten Salas Boxing Academy. Während dieser Aufenthalte blüht er auf, der Kubaner Ismael Salas ist einer der erfolgreichsten Boxtrainer, bei ihm trainieren 23 Weltmeister. Auf Peña hat dort niemand gewartet. «Ich musste mir Respekt verdienen», sagt er. Salas erkannte bald das Talent des ehrgeizigen, unerschrockenen Kämpfers aus der fernen Schweiz. «Angelo besitzt viel Potenzial und lernt schnell», sagt Salas.
Mehrere Trainings täglich
Das glitzernde Las Vegas ist im grauen Regensdorfer Industrieviertel weit weg. Neben Angelo Peña sitzt seine Verlobte Alissha Cavgin, die ihn in vielen organisatorischen Bereichen unterstützt. Sie erzählt, wie Peña ihr beim ersten Date klargemacht habe, dass er alles dafür tue, Weltmeister zu werden. «Er war ehrlich, das hat mich beeindruckt», sagt sie. «Und noch mehr hat mich in den letzten Jahren fasziniert, mit welcher Disziplin Angelo lebt.»
Dank Sponsoren, der Unterstützung seines Stiefvaters, den Kampfgagen und mit dem Lohn von Alissha Cavgin kommen die beiden über die Runden. Sie leben in Olten, zusammen mit zwei Hunden, Peñas Tagesablauf wird von mehreren Trainings täglich dominiert: Boxen, Athletik, Joggen, Stretching, immer wieder von vorne. Peña benötigt keinen Luxus, er lebt kostenbewusst, Geld treibt ihn nicht an. Wer Angelo Peña das erste Mal erlebt, könnte meinen, er sei arrogant. Wenn er nach einem gewonnenen Kampf in Bern auf den Boxseilen steht und seine Siege zelebriert. Wenn er im Ring ruft: «Ich bin der Beste, bringt mir den Nächsten, ich haue ihn weg.»
Peña sagt, es sei ihm egal, was andere über ihn dächten. Es wirkt nicht aufgesetzt, wenn er sagt, der beste Boxer der Welt werden zu wollen. Er redet nicht nur so, er denkt so, er lebt so, er ist so. Ohne Kompromisse, ohne Absicherung, ohne Umwege. Das ist nicht besonders schweizerisch, und Peña weiss, dass er mit seiner Art aneckt. «Ich gehe meinen Weg mit der Hilfe Gottes», sagt er. Der tiefe Glaube an sich und daran, dass alles vorbestimmt ist, leitet ihn.
Am 26. Dezember trifft Peña im Berner Kursaal am traditionsreichen Boxing Day auf den Filipino Jeo Santisima, es ist sein bisher schwierigster Prüfstein. Wenn Peña den WBO-Intercontinental-Titel verteidigt, könnte es 2026 mit einem WM-Kampf im Superfedergewicht klappen. Bisher hat er alle zwölf Kämpfe gewonnen, doch die Gegner werden stärker.
Das Box-Business kann für Aussenstehende unübersichtlich wirken, es gibt 4 Weltverbände und 17 Gewichtsklassen und damit 68 Weltmeister. Kürzlich war Peña mit seinem Manager Leander Strupler an einem WBO-Event in Kolumbien und traf den Titelhalter Emanuel Navarrete aus Mexiko. «Ich habe ihm gesagt, dass er etwas habe, was mir gehöre», sagt Peña.
Seine Ungeduld ist im Gespräch zu spüren, er würde am liebsten längst in den USA leben und boxen, aber als Schweizer ist es herausfordernder, in die Nähe eines WM-Titelkampfes zu kommen. «Wäre Angelo Engländer, Amerikaner oder Deutscher, ginge es schneller», sagt Stefan Angehrn. Der 61-jährige Angehrn ist nach Fritz Chervet der bekannteste Boxer in der Schweizer Geschichte, unvergessen sind seine WM-Kämpfe vor bald dreissig Jahren gegen Ralf Rocchigiani.
Angehrn nennt Peña einen «phantastischen Boxer», dessen Wille einzigartig sei. Leider seien die Strukturen in der Schweiz schwierig. «Zum Glück gibt es Macher wie Leander Strupler, die den Boxsport am Leben erhalten.» Strupler ist Berner und Boxfan. Er gab mit seiner Kommunikationsagentur einst ein hochwertiges Boxmagazin heraus, organisierte 2016 seine erste Boxveranstaltung und hat sich seither als Promoter und Boxmanager profiliert. Neben dem Boxing Day, an dem 1971 sogar Muhammad Ali in Zürich boxte, führt er auch jedes Jahr an Karfreitag im Berner Stadttheater den Anlass «Boxen statt Theater» durch.
Doku gedreht
Im Dokumentarfilm «Die Kunst, sich zu schlagen», der nächstes Jahr erscheint, begleitet der junge Berner Filmemacher Oliver Schären die Boxer Peña und Félix Meier, es hat fesselnde Szenen aus Las Vegas, Regensdorf, Bern, es geht um Schweiss, Schläge, Siege, um Träume und Tränen und darum, sich den Weg nach oben zu boxen. Meier ist 21, er gilt als mit Abstand grösstes Schweizer Talent, auch er wird von Strupler beraten und tritt am 26. Dezember im Kursaal auf. Der Lausanner, der eine deutsche Mutter hat, setzt deutlich früher als Peña auf die Karte Profiboxen. Er sagt: «Man kämpft, wie man trainiert.»
Dieses Motto trifft auch auf Peña zu. Während seiner monatelangen Aufenthalte in Las Vegas war er nur einmal ein paar Minuten am Strip. Die Casinos und andere Verlockungen des Lebens interessieren ihn nicht. Und wer sich in den letzten Jahren ein paar Mal mit ihm unterhalten und ihn als Boxer im Einsatz gesehen hat, nimmt ihm diese Rocky-2.0-Haltung ab.
Boxen ist immer auch Unterhaltung. Am vergangenen Wochenende schlug Anthony Joshua in einem Showkampf in Miami den Youtuber Jake Paul k. o., dank Einnahmen unter anderem vom Streamingdienst Netflix verdienten beide mindestens 70 Millionen Dollar. Boxer vom Kaliber Peñas erhalten als Gage ein paar tausend Franken, 2025 absolviert er zwei Kämpfe. «Profiboxen ist in der Schweiz eine klare Randsportart», sagt der Promoter Strupler.
Skeptisch gegenüber Kampfsport
Boxen mag zwar weltweit populär sein, wird in Filmen und in der Literatur verklärt. Und Fitnessboxen ist ein Trend, der Ausdauer, Kraft und Koordination kombiniert. Doch Kampfsportarten werden in der Schweiz gesellschaftlich und von Sponsoren kritisch betrachtet, weil sie brutal wirken können. «Unternehmen achten stark auf Markenwerte», sagt Strupler. «Beim Boxen erlebe ich kulturelle Vorbehalte und Assoziationen mit Gewalt.»
In weniger reichen Ländern stösst Boxen auf deutlich mehr Begeisterung. Zudem fehlt es in der Schweiz an prägenden Vorbildern, es ist kein Schulsport, Eltern schicken ihre Kinder nicht ins Boxen. Peña wurde nicht in der Schweiz sozialisiert, seine boxerische Ausbildung ist exzellent, er ist technisch vielseitig, beweglich und explosiv, kombiniert Schnelligkeit mit Schlagkraft, ist fit und zielstrebig.
Strupler räumt ein, dass man einen Kampfrekord im Boxen mit harmlosen Gegnern aufblasen könne, bedeutende Titel seien so aber nicht zu gewinnen oder sogar zu kaufen. «Ohne kompetitive Kämpfe steigt man in den Rankings nicht wie Angelo auf und wird nicht ernst genommen», sagt er. Strupler ist überzeugt, dass Peña in den nächsten Jahren um einen WM-Titel boxen wird.
Zwei Flaggen, zwei Hymnen
Ein solcher Kampf in einem bedeutenden Markt wie den USA oder England wäre ein Novum für einen Schweizer Boxer, ein Titelgewinn der ultimative Erfolg. Strupler plant nachhaltig, als Traum nennt er vorerst die Organisation eines WM-Kampfes in der Schweiz mit einem Schweizer Boxer wie Peña oder Meier.
Peña denkt selbstredend grösser. Er sagt: «Ich will und werde in den USA den WM-Titel gewinnen.» Er würde dabei, wie immer in der jüngsten Vergangenheit, vor seinen Kämpfen unter zwei Flaggen und mit zwei Hymnen antreten – er fühlt sich als Schweizer und als Dominikaner. «Das hat mir in der Schweiz nur negative Reaktionen eingebracht», sagt er. «Aber es ist mir egal. Ich fühle mich auch meiner Heimat stark verbunden, träume auf Spanisch, habe zwei Herzen in meiner Brust.»
Stefan Angehrn sagt, Peña müsse sich in der Öffentlichkeit besser verkaufen und sichtbarer werden. Er findet die Sache mit den zwei Flaggen und Hymnen bedingt förderlich für die Darstellung Peñas in der Schweiz. Peña interessieren diese Debatten nicht, er geht unbeirrt seinen Weg. Und sagt: «Ich wusste schon als kleiner Bub, dass ich Weltmeister im Boxen werde. So nahe wie heute war ich meinem Ziel noch nie.»


