Timar erste Schweizer WBO-Boxweltmeisterin, Peña verteidigt Interkontinental-Titel souverän
27.12.2025 15:17 Uhr
Gérald Kurth / JS
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Es war eine gewaltige Willensleistung und eine blutige Schlacht. Am Ende triumphierte die Baslerin mit dem riesigen Kämpferherz. Gabriela "BALBOA" Timar boxte mit gebrochener Nase und blutüberströmten Gesicht über zehn Runden: „Aufgeben war nie eine Option. Ich wollte weitermachen und meine Chance nutzen“, so die überglückliche neue Weltmeisterin. Den Titel widmete die aus Siebenbürgen stammende Baslerin ihrem Coach Angelo Gallina, der sie seit ihrem späten Einstieg ins Profiboxen – die gebürtige Rumänin stieg erst mit 28 Jahren in den Ring – gefördert und konsequent an die Spitze herangeführt hatte. Tränen des Glücks flossen bei beiden, als der Mehrheitsentscheid verkündet wurde. Nach vielen entbehrungsreichen Jahren und stiefmütterlicher Behandlung – Gallina betonte nicht grundlos die stiefmütterliche mediale Behandlung seiner Boxerin – konnte Timar mit bald 40 Jahren endlich ihren verdienten Lohn einfahren.
Angelo Peña nahm zwar nicht das grosse Sylvesterfeuerwerk vorweg, bot aber erstklassiges Handwerk: Der Lokalmatador bot über die vollen zehn Runden eine souveräne Darbietung und geriet gegen den Philippiner Jeo Santisima – immerhin Asienmeister - zu keinem Zeitpunkt in Gefahr. Ohnehin perfekt austrainiert, bewies Peña seine taktischen Fortschritte. Mittlerweile halten sich Spektakel und Fokus auf konsequente Umsetzung der Kampfanlage bei Peña die Waage. Vor dem Kampf auf Platz 7 des WBO-Rankings, rückt Peña damit noch näher an die Weltspitze heran. Und kokettiert mit der ultimativen Herausforderung: „Jetzt will ich in den USA kämpfen!“ Promotor Leander Strupler lobte die kontinuierliche Entwicklung seines Aushängeschilds und dämpfte gleichzeitig auch Peñas Ambitionen: „Angelo wächst an den Aufgaben.“ Doch Strupler weiss insgeheim: Sein Aushängeschild wird 32 und hat in Europa keinen echten Gegner mehr. Der Sprung über den grossen Teich steht am Ende von Peñas Entwicklung der letzten Jahre.
Die Zuschauer im nahezu ausverkauften Berner Kursaal erlebten, neben den beiden Titelkämpfen, auch einen weiteren boxerisch inspirierenden Auftritt von Félix Meier, Das erst 21jährige Juwel aus dem Stall Struplers gewann auch seinen siebten Profikampf. Er unterstrich eindrücklich, dass sein Boxerhimmel voller Geigen hängt. Tatsächlich führt Meier seine Fäuste schon jetzt so virtuos wie die besten Streicher ihre Bögen.
Die Kämpfe:
Superfeder (10 x 3)
Angelo Peña (CH) – Jeo Santisima (PHI)
Peñas Entwicklung ist beeindruckend. Obwohl der Berner diesmal über die volle Distanz musste, bewies er vor allem in der ersten Hälfte des Fights seine Reife: Er boxte aus der kontrollierten Distanz, unaufgeregt und abgeklärt. Wenn sich die Gelegenheit bot, deckte er seinen Gegner mit blitzschnell und präzis geschlagenen Serien ein. Das katzenartige Vorpreschen an den Mann gipfelte zumeist in perfekten Upper Cuts, die regelmässig an Santisimas Kinn zerschellten. Der Philippiner erwies sich allerdings als der erwartet zähe Gegner. Obwohl er viele Treffer nehmen musste, blieb er bis zum Ende stehen.
Santisima konnte den Kampf aber der zweiten Hälfte gar wieder etwas ausgeglichener gestalten. Das lag auch daran, dass Peña vereinzelt „rückfällig“ wurde. Bei gelungenen Aktionen des Gegners lächelte er spöttisch oder redete zur eigenen Ecke. Dabei ist es gar nicht nötig, dass er sich in Unsportlichkeiten flüchtet. Peña hat alles, um ganz oben mit zu boxen: Handspeed, Variabilität, Präzision, Meidbewegungen. Auch wenn er den einen oder andern Konter einstecken muss, beeindruckt ihn das kaum. Unter der kubanischen Legende Ismael Salas in Las Vegas ist Peña zum kompletten Kämpfer gereift. Athletisch wurde er von Mutter Natur ohnehin reich beschenkt. Im – hoffentlich bald anstehenden – WM-Kampf in Übersee muss er einzig den letzten, charakterlich-mentalen Schritt gehen: Keine Mätzchen im Ring, sondern totaler Fokus auf das, was er hervorragend beherrscht: Boxen.
Atomgewicht (10 x 3)
Gabriela Timar (CH/ROM) – Marina Loreto (JPN)
Gabriela Timar ist eine verdiente WBO-Weltmeisterin im Atomgewicht. Auch ihre japanische Gegnerin reckte jedoch am Ende von zehn immer blutigeren Runden nicht grundlos die Hände in die Höhe. Der letztliche Mehrheitsentscheid zu Gunsten Timars war beileibe kein Fehlurteil, belegte aber, wie gespalten auch die Punkterichter den Kampf wahrgenommen hatten. Punktrichter Kovacs aus Ungarn sah den Kampf unentschieden, durchaus nicht ohne Grund: Tatsächlich witterte Marina Loreto spätestens dann ihre Chance, als sie Timars stark blutende Nase sah. Sie marschierte, obwohl sechs Zentimeter kleiner, konsequent nach vorne. Wenn sie die Distanz überwand, setzte sie wenige, aber klare Treffer. Umgekehrt verrichtete Timar notgedrungen gewaltige Fussarbeit und schlug immer wieder schnelle Serien. Die meisten Schläge trafen zwar nicht ihr Ziel, zeugten aber vom eisernen Verteidigungswillen der Baslerin. Im offenen Schlagabtausch der letzten Runden mobilisierte Timar die letzten Reserven, mit denen sie die beiden anderen Kampfrichter beeindrucken konnte. Diese sahen den Kampf bestimmt etwas zu eindeutig zu Timars Gunsten. Ihre Willensleistung verdient ungeachtet dessen grössten Respekt. Zielstrebigkeit, Konsequenz und Demut haben die Baslerin ans Ziel ihrer Träume gebracht. Gabriela Timar ist eine würdige, erste Schweizer Box-Championne – herzliche Gratulation!
Superwelter (8 x 3)
Félix Meier (CH) – Javier Castaneda (MEX)
Félix Meier praktiziert, man muss es so ausdrücken, Boxen für Feinschmeckerinnen und Feinschmecker. Obschon erst 21jährig, verfügt der Lausanner über eine Reife im Ring, die ihn ganz nach oben bringen kann. Das bewies er erneut gegen einen sehr guten Gegner aus Mexico, wo die Dichte an herausragenden Faustkämpfern bekanntlich hoch ist.
Meier gestaltete den Kampf wie gewohnt in der kontrollierten Offensive. Er stach mit seinem Jab regelmässig präzise zu oder legte sich Castaneda an den Seilen so zurecht, dass er immer wieder seine linken Aufwärtshaken abfeuern konnte. Der Mexikaner nahm zwar zahlreiche Treffer, blieb aber mit Konterhaken jederzeit gefährlich. So entwickelte sich ein technisch hochstehendes und jederzeit faires Gefecht. Nicht der ultimative Punch stand im Zentrum, sondern das Sammeln von Punkten. Boxen mit feiner Klinge, einfach zum Geniessen. Das ist gleichzeitig auch Meiers „Manko“: Er erzielt nicht die Schlagwirkung, mit der er seinen zähen Gegner durchaus beeindrucken könnte. Und geht deswegen immer über die volle Distanz. Langfristig ist das aber bestimmt die richtige Wahl: „Ich will nicht reinrennen und am Ende bei klarer Führung noch einen K.O. riskieren“, unterstrich er denn auch gemeinsam mit Coach Chervet im Interview. Vielmehr wolle er, im permanenten Dialog mit dem Team, clever boxen und sich nicht verheizen. Mit dieser nachhaltigen Strategie dürfte Meier zwar den einen oder anderen Freund des spektakulären Knockouts abschrecken. Weil wichtiger ist aber, dass er sich damit nicht nur konsequent an die Weltspitze heranarbeitet, sondern gesund bleibt. Zur dauerhaften Freude des geneigten Boxpublikums.
Weitere Profikämpfe
Halbschwergewicht (6x3)
Léonid Berisha (CH) vs. Charilaos Malichoudis (GR)
Einstimmiger Punktsieg
Wertungen: 59:55 (Bossel), 59:55 (Walser), 58:54 (Bieri)
Schwergewicht (6x3)
Mehdi Ben Hamira (CH) vs. Kevin Masirika (GB)
Einstimmiger Punktsieg
Wertungen: 60:54 (Bieri), 60:54 (Guggenheim), 60:54 (Walser)
Superweltergewicht (4x3)
Gianni Passanante (CH) vs. Saimir Dedja (ALB)
Mehrheitsentscheid
Wertungen: 40:36 (Bieri), 39:37 (Guggenheim), 38:38 (Bossel)












