«Million Dollar Baby» ohne Millionen

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31.12.2025 13:46 Uhr
NZZ / Michele Coviello / JS


Gabriela «Balboa» Timar krönte sich zur ersten Schweizer Box-Weltmeisterin in einem der grossen Verbände – finanziell ist ihr Exploit ein Minusgeschäft

Michele Coviello

Die meisten Boxerinnen wären an dieser Situation gescheitert. Schon in der zweiten Runde schien der Traum vom grossen Titel vorbei. Gabriela «Balboa» Timar bekommt am Stephanstag im Kampf um die Weltmeisterschaft mehrere Kopfstösse ins Gesicht ab. «Ich wusste sofort: Die Nase ist gebrochen», sagt sie vier Tage danach.

Hinter Gabi Timar lagen zehn Jahre voll knallhartem Training, voller Verzicht, eines spartanischen Lebens mit nur diesem einen Ziel: dem Ruhm im Ring. In Bern ging es am Boxing Day um die Chance ihrer Karriere, vielleicht um die letzte für die bald 40-Jährige aus Basel – um den WM-Titel des renommierten WBO-Verbandes. Und dann das.

Der Cutman richtete den Bruch. Er stillte das Blut. Aber vor Timar standen acht Umgänge voller Ungewissheit. Ab der 5. Runde tropfte das Blut wieder massiv aus der Nase. Ein problematischer Zustand. Wie atmen? Wie lange wertet die Ringrichterin die Boxerin noch als kampffähig? «Solche Fragen haben mich beschäftigt», sagt Timar. Die physische und mentale Belastung war grenzwertig. «Dieser Fight war meine bisher grösste Herausforderung.»

Timar hat sie gemeistert. Ihr Kampf erinnert an diese Szene aus dem vielleicht berührendsten Boxerfilm, aus «Million Dollar Baby». Trotz gebrochener Nase will die Hauptfigur (Hilary Swank) unbedingt weiterkämpfen. Ihr Trainer (Clint Eastwood) gibt ihr in der Ring-Ecke zwanzig Sekunden Zeit dafür, ehe das Blut wohl wieder aus der Nase schiessen würde. Wenige furiose Hiebe später siegt sie durch Knock-out.

So schnell ging es bei Timar nicht. Die Japanerin Marina Loreto war bisher unbesiegt und Asien-Meisterin des WBO-Verbandes. Gegen die jüngere Athletin musste Timar über die volle Distanz gehen. Zeitweise waren Mund und Kinn blutüberströmt, die weissen Handschuhe verschmiert, der Ringboden färbte sich tiefrot. Doch dann reckte Timar den rosa Gürtel in die Höhe.

Die Saga des Underdogs

Es ist ein Meilenstein des Schweizer Boxsports. 1998 war Christina Nigg im weniger bekannten IBC-Verband Weltmeisterin geworden, Aniya Seki war bei der ebenfalls kleineren WIBF siegreich. Keine Athletin vor Timar hatte bisher aber einen Gürtel von einem der vier führenden Verbände errungen. Die Boxerin aus Basel schaffte das im Atomgewicht (46,2 kg) der WBO.

Der Höhepunkt ihrer Karriere beweist, wieso sie ihren Spitznamen «Balboa» trägt. Wie die andere legendäre Filmfigur, «Rocky», strebt sie spät und als Aussenseiterin auf die Weltbühne der Boxszene – aber mit umso grösserem Hunger. Timar stammt aus Sibiu in Rumänien. Mit dem Faustkampf hatte sie lange nichts zu tun. Als Rechtsanwältin arbeitete sie für international tätige Firmen, etwa in China. Vor rund zehn Jahren kündigte sie ihren damaligen Job in Madrid und brach zu einer Weltreise auf. Zum Abschluss wollte sie eine Freundin besuchen. «Ich wusste nur, dass sie in der Schweiz lebte, aber nicht, wo.» Von Basel hatte sie bisher kaum etwas gehört. Aber die Stadt gefiel ihr. Und vermutlich auch der Boxklub. Mit ihren Bekannten ging sie zu ersten Trainings. Nach der dritten Einheit schlich sie sich bereits bei den Wettkampfboxern ein, ohne die nötige Erlaubnis.

Dort traf sie auf ihren heutigen Trainer und Manager Angelo Gallina. Seit dreissig Jahren ist er ein Pionier des Frauenboxens. 2007 gewann er mit der Amateurin Sandra Brügger EM-Silber, den Schwergewichtler Arnold Gjergjaj führte er in die Top 20 der Welt. Niemand beeindruckte ihn aber so wie Timar. «In den Anfängen gab ich ihr den Namen ‹Overtrain›», erinnert sich Gallina, «weil sie nach dem Boxtraining bis 23 Uhr ins Gym für die Kraftarbeit ging.» Die athletischen Voraussetzungen brachte Timar mit. Aber für den Boxsport brauche es ein totales Commitment. «Und ihres ist überdurchschnittlich.»

In der Schweizer Boxwelt ist das mehr denn je nötig – für Frauen noch um ein Vielfaches mehr. Der Faustkampf bleibt hier eine Randerscheinung, er gilt als zu brachial und leicht verrucht im konsensorientierten Land. Sponsoren gibt es kaum, Fernsehverträge bleiben Wunschdenken.

Als Frauen hätten die Boxerinnen nicht nur den Männersport als Konkurrenz, sagt Gallina. «Sondern sie haben auch noch das weibliche Publikum gegen sich, das das Frauenboxen als etwas Niederes empfindet.» 

Ein Gürtel für den Trainer

Timar selbst sagt, die geringe Wertschätzung des Frauenboxens stimme sie «traurig». Sie kommt mit einem Job als Trainerin im Boxklub Basel über die Runden, ihr Verein und ein Sponsor unterstützen sie. Für den WM-Titel bekamen sie und Gallina keinen Millionencheck, sondern vor allem Einzahlungsscheine. «Selbst der Gürtel kostete uns 1000 Dollar», sagt Gallina.

Das Materielle scheint ihr unwichtig zu sein. Eine Geste Timars bewies das ganz deutlich. Noch im Ring streifte sie sich während des Siegerinterviews den Gürtel von den Hüften und schenkte ihn Gallina und dem Boxklub Basel.

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