Ein strahlendes Licht im Dunkeln und eine Osterfarce

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04.04.2026 16:43 Uhr
Gérald Kurth / JS

Zum Glück, ist man versucht zu sagen, gibt es da noch Félix Meier: Der Überflieger aus Lausanne und neue Stern am Schweizer Boxhimmel zeigte einmal mehr eine beeindruckende Vorstellung. Obwohl er den Hauptkampf vorzeitig beendete, rettete er den Abend. Und die Zuschauer erlebten im einmal mehr gut gefüllten Stadttheater Bern einen versöhnlichen Abschluss der siebten Auflage von „Boxen statt Theater“.

Mindestes ebenso viel zu reden gab die Vorgeschichte von Meiers Auftritt: Zum zweiten Mal in drei Jahren fiel der Mainfight von Lokalmatador Angelo Peña ins Wasser, weil der Gegner beim offiziellen Wägen zu viel Gewicht auf die Waage gebracht hatte. Zu Recht frustriert kommentierte der Berner denn auch im Ring: „Ich habe mich in Las Vegas physisch und mental perfekt vorbereitet, entsprechend gross war der gestrige Schock. Aber ich werde weiterhin Vollgas für euch geben.“

Promotor Leander Strupler ist kein Vorwurf zu machen: „Wir engagierten mit dem Spanier Salvador Jimenez den mehrfachen EBU-Titelträger im Superfedergewicht. Da müssen wir eine professionelle Vorbereitung erwarten können.“ Auf die Frage nach griffigen Konventionalstrafen im Vertrag winkt Strupler müde ab. Es bringe nichts, in Spanien Geld einklagen zu wollen. „Die einzige halbwegs brauchbare Option wäre eine Forfaitniederlage mit transparenter Begründung im Netz.“ Das bringe zwar seinem geprellten Zugpferd Angelo Peña nichts. Der hat wieder vergeblich mehrere Monate in seine knallharte Vorbereitung in Las Vegas investiert. „Aber es würde die Latte für dieses unsportliche Verhalten höher legen,“ so Strupler.   

Für ihn sind solche kurzfristigen Ausfälle, obwohl unverschuldet, langfristig nicht zu stemmen. Wenn sein wichtigster Publikumsmagnet im Hauptkampf wiederholt nicht antreten kann, bleiben irgendwann die zahlenden Zuschauer weg. Und dann lohnt sich auch die Rechnung für Strupler – keiner zieht professionellere Shows auf als der Berner Marktleader im Boxbusiness – nicht mehr. Boxen, hierzulande ohnehin eine Randsportart, würde damit noch weiter ins Abseits gedrängt. Diese Gefahr für eine solche Entwicklung wächst, wenn die restliche Fightcard wie am Karfreitag 2026 überwiegend durchschnittliche Qualität bietet. Das galt auch für die Debuts von Jason Kongolo und Zarah Fairn, den neusten Akquisitionen im Stall Struplers. 

Die Kämpfe 

Supermittel (6 x 3)

Zarah Fairn (F) – Christina Mazzotta (FRA) 

War sie übermotiviert und übertrainiert? Am Stephanstag hatte die Französin ihr Debüt im Stall Strupler verkündet, in den Ring stieg eine physisch beeindruckende Erscheinung. Die langjährige UFC-Fighterin Fairn konnte aber über die gesamte Kampfdauer selten Treffer landen, wirkte wenig spritzig oder inspiriert. Ihre italienische Gegnerin Christina Mazzotta wiederum versuchte zwar tapfer, sich durch mehr Fussarbeit an Fairn heranzuarbeiten, konnte aber selber zu selten schlagen. Erleichtet atmete man auf, als sich Fairn gegen Ende des Kampfes entschloss, häufiger mit langen Händen den Abschluss zu suchen. Ihr einstimmiger Punktesieg war ungefährdet, aber alles andere als glanzvoll. 

Superwelter (8 x 3)

Félix Meier (CH) – Rami El Jahiri (FIN) 

Das Licht im Dunkeln: Félix Meier bekam mit dem Hauptkampf ein kurzfristiges Upgrade – und lieferte ab. Die derzeit grösste Schweizer Boxhoffnung traf auf einen keineswegs inferioren Gegner. Der Finne El Jahiri stieg perfekt austrainiert in den Ring und wehrte sich nach Kräften. Gegen Meiers Ringintelligenz und Variabilität stand er aber bald auf verlorenem Posten. Meier arbeitete sich immer wieder mühelos in die Halbdistanz vor, wo er gegen den Finnen vor allem mit blitzsauberen Uppercuts punktete. In den ersten Runden zog er diese konsequent zum Kinn hoch, um sie im weiteren Verlauf auch zum Körper zu schlagen. Weil Meier aufgrund seiner fleissigen Fussarbeit mit klugen Meidbewegungen kaum zu treffen war, zermürbte er Jahiri schnell. Er stand zwar auf den Beinen, als ihn Referee Guido Cavallleri nach 25 Sekunden in der vierten Runde aus dem Kampf nahm. Der schützte aber die Gesundheit des Gastboxers. Meier hatte ihn sich tatsächlich mit „too many punches“ so zurechtgelegt, dass der KO unmittelbar bevorstand. Meier hätte zwar gerne weiter gekämpft, dass die Gesundheit des Gegners wichtiger war als der KO, den er angepeilt hatte. Unabhängig von der Kürze seines Auftritts gab Meier wieder eine Visitenkarte ab, bei der man ins Schwärmen gerät. Der von Alain Chervet gecoachte, erst 21jährige Lausanner beherrscht scheinbar mühelos das ganze Repertoire. Auspunkten oder ausknocken? Meier setzt jedes Szenario problemlos um. Dass er das auch noch unvergleichlich ästhetisch und fair praktiziert, macht seinen Stil umso sehenswerter. 

Halbschwer (8 x 3)

Georgi Tanchev (BUL/CH) – Carlos Galvan (COL) 

Ein überzeugender, wenn auch kurzer Auftritt des im Tessin beheimateten Bulgaren: Georgi Tanchev dominierte seinen kolumbianischen Gegner sofort klar vom Ringzentrum aus. Carlos Galvan versuchte zwar, sich Tanchevs langen Händen entlang der Ringseile zu entziehen. Schon in der zweiten Runde erlitt aber diese Taktik Schiffbruch. Nachdem er Galvan schon zweimal zu Boden geschickt hatte, guckte sich Tanchev  den Kolumbianer aus – und schickte ihn dann mit einem krachenden Leberhaken endgültig auf die Bretter. Auf den Dampf in seinen Fäusten kann Tanchev vertrauen. Wie er aber den Fight vorzeitig beendete, zeugte von Tanchevs strategischem Vermögen und seiner Entschlossenheit. 

Superleicht (6 x 3)

Jason Kongolo (CH) – Ion Peni (MOL)

Marwan Maslard (CH) – Octavian Cretu (MOL) 

Zwei sympathische Lausanner Neoprofis im gleichen Limit, beide im Kampf gegen moldawische Gegner. Damit endeten aber die Gemeinsamkeiten. Marwan Maslard, der „sniper du foie“, knockte Coctavian Cretu nach 34 Sekunden in der vierten Runde tatsächlich mit einem perfekten Leberhaken aus. Der fulminante Schlag täuschte allerdings darüber hinweg, dass Maslard sich für sein Limit als wenig beweglich erwies und gegen den bescheidenen Moldawier nie wirklich dominierte.

Ganz anders präsentierte sich Jason Kongolo im Debut gegen den guten Ion Peni. Obwohl sein häufiges Bouncen seine Vergangenheit im Kickboxen verrät, verfügt er unzweifelhaft über Potenzial. Mit mehreren superschnellen Serien am Mann verriet er etwa seinen aussergewöhnlichen Handspeed. Umgekehrt schlug er vor allem rechts immer wieder mit der Innenhand. Daran sollte er arbeiten. Als vorteilhaft für seine Entwicklung dürfte sich das hervorragende Coaching durch seinen erfahrenen Bruder Yoann erweisen. Der führte seinen Bruder umsichtig durch den Kampf und bremste ihn in ungestümen Momenten. Das war  nötig, weil Peni gegen Ende des Kampfes immer mehr punktete als Kongolo. Der Lausanner hat das Potenzial zum attraktiven Kämpfer und Publikumsliebling, von ihm darf man sich durchaus mehr erhoffen. 

Schwer (6 x 3)

Mehdi Ben Hamira (CH) – Giorgi Kubejashvili (GEO) 

Der Lausanner Mehdi Ben Hamira war besser disponiert als bei seinem letzten Auftritt in Bern am Stephanstag. Obwohl sechs Kilo schwerer als sein georgischer Gegner, marschierte er sofort vorwärts. Auch dieser Fight mutierte aber schnell zur Farce: Kubejashvilis Gegenwehr in der ersten Runde blieb, nun ja – schwach. Der Georgier setzte sich zweimal in die Seile bzw. auf den Boden, beim TKO nach 2:42 drehte er sich gar vom Ben Hamira weg. Aus Georgien sind immer wieder fürs Publikum attraktive Journeymen mit grossem Kämpferherz in die Schweiz gekommen. Kubejashvili gehörte leider nicht zu dieser durchaus ehrenwerten Gilde...

 

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