Zu Besuch bei der Luzerner Ringlegende Giovanni «Johnny» Pini

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18.08.2026 18:34 Uhr
Jack Schmidli

Fotos Jack Schmidli

Fast 200 Kämpfe, zahlreiche Auftritte im Ausland und Duelle mit einigen der besten Schweizer Schwergewichtler seiner Zeit: Giovanni «Jonny» Pini gehörte während vieler Jahre zu den prägenden Figuren der Luzerner Boxszene. Heute ist der ehemalige Schwergewichtler 84 Jahre alt. Bei einem Besuch in seinem Zuhause erinnert er sich mit erstaunlicher Präzision an eine Zeit, in der Boxen noch ganz anders aussah als heute.

Wer Giovanni «Jonny» Pini heute zuhört, merkt schnell: Die Erinnerungen an seine Jahre im Ring sind noch immer sehr präsent. Namen, Gegner, Austragungsorte und besondere Kämpfe kommen dem 84-jährigen Luzerner auch mehr als ein halbes Jahrhundert später ohne langes Nachdenken in den Sinn. Auf dem Tisch liegen alte Dokumente, Fotos, Medaillen und Erinnerungsstücke aus einer langen Sportlerlaufbahn. Zeitzeugen einer Epoche des Schweizer Boxsports, die längst Geschichte geworden ist.

Dabei begann Pinis sportliche Laufbahn zunächst gar nicht im Boxring. Als Jugendlicher war er Ringer. Doch auf Dauer war ihm dieser Sport zu wenig abwechslungsreich. «Es wurde mir zu langweilig», erinnert er sich. Mit 17 Jahren wechselte er deshalb zum Boxen.

Am 10. Dezember 1960 bestritt er im Alter von 18 Jahren seinen ersten Kampf, den er verlor. Entmutigen liess er sich davon nicht. Ganz im Gegenteil: Es war der Beginn einer Karriere, die rund 14 Jahre dauern und Pini gegen 200 Mal in den Ring führen sollte.

Mehr Techniker als Schläger

Pini boxte im Schwergewicht, gehörte dort aber nicht zu den körperlich imposantesten Athleten. Seine Stärken lagen anderswo.

«Ich war kein Schläger, obwohl ich durchaus Bums in den Fäusten hatte. Viele Gegner hörten den Schlussgong nicht mehr», erzählt er mit einem Schmunzeln. «Aber was mich am Boxen wirklich faszinierte, waren Technik und Taktik.»

Genau so wurde Pini auch von Zeitzeugen beschrieben: als Schwergewichtler, der eher die feine Klinge führte, statt ausschliesslich auf den vernichtenden Schlag zu setzen. Dass er dennoch über beträchtliche Schlagkraft verfügte, bekamen zahlreiche Gegner zu spüren.

Mehr als die Hälfte seiner Kämpfe bestritt Pini nach eigenen Angaben im Ausland, insbesondere in Deutschland. Dort hielt er sich auch beruflich längere Zeit auf und bildete sich im Bereich des Schuhmacherhandwerks weiter. Boxen und Beruf liefen während vieler Jahre parallel.

Pini trat unter anderem für den heute nicht mehr existierenden Box-Club Glarus an und mass sich mit zahlreichen namhaften Schwergewichtlern seiner Generation.

Ruedi Meier – der grosse Rivale

Der Schweizermeistertitel blieb Giovanni Pini zwar verwehrt. Mehrmals erreichte er bei den nationalen Titelkämpfen den Halbfinal. Dort kreuzte sich sein Weg wiederholt mit einem der gefürchtetsten Schweizer Schwergewichtler jener Jahre: Ruedi Meier aus Neschwil ZH.

Der Tösstaler Powerpuncher wurde insgesamt zehnmal Schweizer Meister und nahm auch an Olympischen Spielen teil. Besonders gefürchtet war sein linker Haken.

«Ruedi war bekannt für seinen gnadenlosen linken Haken», erinnert sich Pini. «Aber mit dieser Waffe konnte er mich nie besiegen.»

Ausgerechnet gegen Meier musste Pini allerdings eine Erfahrung machen, die während seiner gesamten langen Karriere Seltenheitswert hatte: Es war das einzige Mal, dass er in einem Boxkampf zu Boden ging.

Darauf ist der Luzerner noch heute beinahe ebenso stolz wie auf manchen Sieg. Fast 200 Kämpfe und nur ein einziges Mal auf den Brettern: eine bemerkenswerte Bilanz für einen Schwergewichtler.

Neben Meier stand Pini auch mit anderen bekannten Namen der damaligen Boxszene im Ring, darunter Beda Horvath aus Basel und Anton Schär aus Biel. Auch gegen Boxer, die später europäische Spitzenklasse erreichten, wie Fiol und Baruzzi, sammelte der Luzerner internationale Erfahrung.

«Mir fehlte der Killerinstinkt»

Den Schritt ins Profilager machte Pini bewusst nie.

«Ich wollte nie Profi werden», sagt er. «Mir fehlte der Killerinstinkt, das Bedürfnis, meinen Gegner zu zerstören. Deshalb blieb ich lieber Amateur.»

Dieser Satz passt zu einem Mann, der schon in einem früheren Zeitungsinterview mit einer bemerkenswerten Aussage zitiert wurde: «Ich machte mir ernsthaft Sorgen um die Gesundheit meiner Gegner.»

Das klingt für einen erfolgreichen Schwergewichtler zunächst ungewöhnlich. Doch es beschreibt Pinis Einstellung zum Boxen ziemlich treffend. Er liebte den sportlichen Wettkampf, die Technik und die Herausforderung – nicht die Vorstellung, einen Menschen zu verletzen.

1974 war Schluss. Bei den Schweizer Meisterschaften bestritt Pini seinen letzten Kampf und schied im Halbfinal aus. Er war erst 32 Jahre alt.

Der Rücktritt hatte vor allem berufliche Gründe. Die Zeit für ein seriöses Boxtraining wurde immer knapper. Pini hatte das Geschäft seines Vaters am Bundesplatz in Luzern übernommen und führte den Betrieb als Orthopädieschuhmacher erfolgreich weiter. Der Beruf verlangte zunehmend seine ganze Aufmerksamkeit.

Rückblickend dürfte der frühe Abschied vom Ring möglicherweise auch seiner Gesundheit zugutegekommen sein. Trotz der grossen Zahl von Kämpfen macht der 84-Jährige heute einen wachen Eindruck und beeindruckt vor allem durch sein ausgezeichnetes Gedächtnis.

Nicht nur im Ring eine bekannte Luzerner Figur

Wer Giovanni Pini allerdings allein auf seine Boxerkarriere reduziert, kennt nur einen Teil seiner Geschichte.

Der Luzerner war auch ein leidenschaftlicher Fasnächtler. Seine Verbundenheit mit der Luzerner Fasnacht führte ihn bis an die Spitze einer Zunft: 1997 und 1998 amtierte Pini als Zunftmeister. Ein gerahmtes Porträt aus jener Zeit erinnert noch heute daran.

Und noch eine Leidenschaft begleitet ihn: die Musik, insbesondere Opern.

So entsteht beim Besuch das Bild eines Mannes mit vielen Facetten: Boxer, Handwerker und Geschäftsmann, Fasnächtler und Musikliebhaber – und vor allem eines Mannes, der eine mittlerweile weit zurückliegende Ära des Schweizer Amateurboxens selbst erlebt und mitgeprägt hat.

Die alten Fotos, Lizenzen, Aufgebote und Trophäen, die Pini aufbewahrt hat, erzählen davon. Eines der Dokumente stammt aus dem Jahr 1968 und zeigt ein Aufgebot des damaligen Schweizerischen Boxverbandes für eine Begegnung gegen eine französische Auswahl in St. Louis. Andere Erinnerungsstücke führen zurück in Boxhallen, die es teilweise längst nicht mehr gibt.

84 Jahre alt ist Giovanni «Jonny» Pini heute. Seine aktive Karriere endete vor mehr als 50 Jahren. Doch wenn er von seinen Kämpfen, seinen Gegnern und den damaligen Boxern erzählt, scheint die Zeit plötzlich sehr viel weniger weit zurückzuliegen.

Die Leidenschaft für den Boxsport ist geblieben.

Portrait über den ehemaligen 10-fachen Schweizermeister im Schwergewicht, Ruedi Meier

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